Von der Bronzezeit bis heute

Textiles Kulturgut

Textiles Kulturgut Valposchiavo– Wolle, Leinen, Hanf

Zeitzeugin aus dem Valposchiavo aus Leinen

Quèrta da Retài

«Quèrta da retài», Restendecke aus Flachsleinen, Hanf, Wolle gesponnen und mit Stoffrestenstreifen verwoben, Valposchiavo um 1870, Raselli – Lanfranchi
Eine Zeitzeugin von vergangenem Kulturgut ist die «Quèrta da retài». Sie war eine einfache Decke, die in Haus und Hof vielseitig eingesetzt wurde. Die «Quèrta da retài» ist eine Decke aus Resten. Die dazu benötigten Leinenfasern wurden im Herbst und Winterhalbjahr traditionell handversponnen und zu Leinenstoffen gewoben und typisch bei der Quèrta da retàil, mit Restenstreifen anderer Textilien bemustert. Allgemein war der Flachsanbau bis vor 100 Jahren hier im Valposchiavo üblich und im Alltag integriert. Diese Art von Decke zeugt davon.

In Brusio werden die Decken Pelòrscia genannt und vielseitiger verwendet als die Decken in Poschiavo. Früher wurden auch Hanffasern und Wolle verwoben.

Was wir vergessen haben

Leinen und Wolle kleideten unsere Vorfahren bereits in der Bronzezeit.

Die handwerkliche Wollverarbeitung hat sich bis heute erhalten, doch der Anbau und die Verarbeitung von Leinen, vom Flachsanbau bis hin zu Leinentextilien, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Mit dem Verschwinden dieser uralten Fertigkeit, die einst auf Bauernhöfen so selbstverständlich war wie die Gartenarbeit, verlieren wir nicht nur ein Stück unserer kulturellen Identität, sondern auch das wunderbare Gefühl der textilen Selbstversorgung. Unsere Ahnen wussten, dass Leinen sie im Winter warm und im Sommer kühl hielt und sie sogar vor Infektionen zu schützen vermochte. Wir reden hier von Wissen, das ganze Zivilisationen über achttausend Jahre lang am Leben gehalten hat. Wissen, das in nur zwei Generationen fast komplett verschwunden ist.
Von Natur aus ist die Flachspflanze mit ihren blauen Blüten äußerst anspruchslos und benötigt relativ wenig Wasser.
In Europa heimisch, findet sie optimale klimatische Bedingungen vor. Zudem ist sie viel weniger anfällig für Schädlinge als beispielsweise Baumwolle und kann daher ohne Pestizide und chemische Düngemittel angebaut werden.
Die Fasergewinnung ist zwar deutlich aufwendiger und teurer als die von Baumwolle, erfolgt aber dank des ökologischen Röstverfahrens (auch Taurösten genannt) völlig natürlich. Bei diesem Verfahren bleibt das Flachsstroh auf dem Feld zurück und trennt durch eine Art „Zersetzungsprozess“ die für die Weiterverarbeitung nutzbaren Fasern vom Rest der Pflanze. Alles, was nicht verwendet wird, gelangt als Nährstoff zurück in den Boden.
Aus all diesen Gründen eignet sich Flachslein hervorragend für den ökologischen Anbau und als Fruchtfolgesaat. Doch auch konventionell angebautes Leinen ist deutlich nachhaltiger als Baumwolle. Wird es zudem biologisch und regional angebaut, ist dieses Material aus ökologischer Sicht unübertroffen.
Hinzu kommen die unzähligen positiven Eigenschaften des fertigen Leinenstoffs. Er ist unglaublich atmungsaktiv, antiseptisch, feuchtigkeitsregulierend und wirkt im Sommer kühlend. Obwohl er ein leichtes Material ist, ist er reißfest und sehr strapazierfähig. Vor allem aber ist er schön und angenehm zu tragen.

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Wolle

Leticia Semadeni Wolle mit Pflanzen färben